START
GESCHICHTE
JOURNALE
BMS
ZUKUNFTSSTIFTUNG
LINKS
KONTAKT
IMPRESSUM
 
 
1. Mölbis wird zum Thema
In Mölbis arbeitete damals Pfarrer Rüffert in sehr eigenwilliger und unnachahmlicher Art. Erinnert sei an seine Schaukästen! Den Herren vom Rat des Kreises wohlbekannt, verhehlte er seine Ansichten über die schädlichen Wirkungen des BV Espenhain keineswegs.
Dr. Karl Weise, damals Tierarzt und engagiertes Mitglied des CUR, fand Pfr. Rüffert "in großer Verzweiflung und Resignation vor. Für Mölbis gäbe es keine Hilfe, er habe alles Menschenmögliche versucht".

Der erste Schritt des CUR aus Rötha heraus führte am 3.2.83 zu einem Gemeindeabend in den Räumen des Pfarrhauses Mölbis. Zahlreichen Zuhörern gingen Informationen über Luftbelastung und Kontaminierung des Bodens zu, die mit Erstaunen und Ungläubigkeit aufgenommen wurden.

Andererseits erfuhren die CUR - Leute, wie erschreckend das Leben im Windschatten von Espenhain tatsächlich war. Blätterfall im Sommer über Nacht, Pseudokrupp, der allgegenwärtige Geruch.

10 Jahre später wird Steinbach im genauen Bericht eines Informanten über diesen Abend in seiner Stasiakte lesen können."... als ich gegen 21.30 Uhr nach Hause ging, brannte überall noch Licht".

Das CUR, bereits zu dieser Zeit mit festen Terminen, Protokollen, Arbeitsteilung etc., hatte inzwischen den Weg der Eingaben beschritten. Eingaben waren legal, wurden meist beantwortet, man hatte durchaus den Eindruck, beachtet zu werden - das wars dann.

Mölbis in seiner schwarzen Schwermut, seiner Hoffnungslosigkeit, bewegte die Leute des CUR so, daß der Gedanke, diesen Skandal öffentlich zu machen, immer festere Konturen annahm.
"Sieht so unsere Zukunft aus?" wurde formuliert in das Thema des 1. Umweltgottesdienstes im Juni 1983 in Mölbis. " Unsere Zukunft hat schon begonnen", wie fortan alle Umweltgottesdienste hießen.
Mit großem Einsatz, Elan und Begeisterung ging das CUR an die Vorbereitungen.
Geteilt in Gruppen, wurden unterschiedliche Aufgaben wahrgenommen: Um die geplante Ausstellung gestalten zu können, mußten Daten über Luft, Wasser, Boden ...aus früheren Veröffentlichungen möglichst seriös errechnet werden. (Das Sammeln und vor allem Bewerten von Umweltdaten war zu diesem Zeitpunkt in der DDR verboten.)
Ein Vorprogramm wurde überlegt, hierzu Holz für Vogelkästen besorgt, von einem gutwilligen Tischler zugeschnitten ...
Vor allem aber sollten Informationen, zusammengeheftete Blätter, an die Besucher verteilt werden - Beginn einer jahrelangen Quälerei in der kopiererlosen DDR.
Eine weitere Gruppe saß am Inhalt und Ablauf des Gottesdienstes.
Schließlich mußten Einladungen verschickt werden und nicht zuletzt der Rat des Kreises, Abt. Inneres, informiert und gleichfalls eingeladen werden.
Der Superintendent, Herr Opitz, hatte sich zur Predigt bereit erklärt, der Bischof wurde per Kurier von unserem Vorhaben unterrichtet.
Gespannt waren wir alle auf das Podiumgespräch. Erstmals in der Geschichte der DDR sagten Vertreter des Staates zu, an einer öffentlichen Diskussion mit Vertretern von Kirche und der Bevölkerung teilzunehmen.
Filterlos wie die Schornsteine im benachbarten Espenhain mußten die Fragen der Teilnehmer beantwortet werden, unter freiem Himmel und in freier Rede per mobilem Mikrofon gestellt. Man spürte einen Hauch von Freiheit durch den Mölbiser Pfarrgarten wehen...
Wie gehemmt wir doch alle waren, aber doch froh, die Dinge überhaupt einmal auszusprechen.
Nicht nur wir CUR-Mitglieder wußten natürlich, daß unsere Aktivitäten und besonders der Tag in Mölbis von der Stasi genauestens verfolgt wurde und der "Hauch der Freiheit" direkt in das Mikrofon wehte, das unter der Tür des Mölbiser Gemeindeamtes durchgeschoben war.

Eine Folge des Umweltgottesdienstes in Mölbis war die Einladung an Pfarrer Rüffert, zum anstehenden Kirchentag 1983 in Dresden "Unsere Enkel wollen auch leben", bei dem das Christliche Umweltseminar Rötha leitend beteiligt war, im Forum über Mölbis zu berichten:
Die riesige Kreuzkirche, bis auf den letzten Platz gefüllt, viele auf dem Fußboden sitzend.
Unter dem überdimensionalen grünen Kreuz, klein und allein, angetan mit seiner ewigen Lederjacke, die den "Mölbiser Gestank für immer gespeichert hatte", Rüffert, der ohne Pathos vom Gas in Mölbis erzählt, daß man weiße Blumen nicht kenne, vom Atmen und Husten und Kopfschmerz.
Die Stille der Betroffenheit: Mölbis in Dresden.
Spontan standen danach Frauen auf, die Mölbiser Kinder einluden. "Saubere Luft für Ferienkinder" gab es mehrere Jahre zu atmen.
Die Berichte über diesen Kirchentag, auch über die Mölbiser Situation, gingen in ganz Deutschland durch die Medien.

In Steinbachs Stasi-Brevier wird übrigens der Predigttext des Kirchentages so angegeben:
"2. Korinthe.1, 8-11."   Guten Appetit!

Unmittelbar nach diesen beiden Höhepunkten, die das CUR bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit brachte, suchten wir Verbündete. Durch ständiges Unterwegssein vieler Mitglieder mit Vorträgen und Bildern (gemeinsam war eine Art Standardvortrag erarbeitet worden), war bald ein ganzes Netz zu Freunden geknüpft. Informationen gingen hin und her und bestärkten uns, den beschrittenen Weg des Bekanntmachens der Zustände in Leipzigs Süden mit unseren Mitteln fortzusetzen.

Aus der Einladung vom 20.05.84 zum 2. Umweltgottesdienst:
"In Mölbis hat unsere Zukunft schon begonnen.
Mölbis - damit sind die von der Umweltverschmutzung im Bornaer Raum am schlimmsten Betroffenen gemeint. Das Dorf Mölbis liegt im Windschatten von Espenhain.
Mölbis ist aber auch Symbol und Kristallisationspunkt für eine Zukunft, die uns allen bevorsteht, wenn nicht eine Richtungsänderung herbeigeführt werden kann.
Die Wahrheit darüber, was hier wirklich passiert, wird uns, den Betroffenen, verschwiegen.
Wir erkennen nur die Spitze des Eisbergs....
Wir haben Angst um unsere Kinder und Enkel."
Diesen Umweltgottesdienst beehrte Herr Landesbischof Dr. Hempel mit einer sehr beruhigenden Predigt.
Die Besucherzahlen bewegten sich diesmal um 1000, darunter eine größere Anzahl mit dem unsichtbaren Kennzeichen D.
Vieles war jetzt erprobter: die Zusammenarbeit mit vielen Mitarbeitern des Kirchenbezirkes Borna machte es möglich.
Unsere Ausstellung war wesentlich erweitert und solide gearbeitet, im Vorprogramm stellten sich auch andere aktive Gruppen u.a. zum ökologischen Gartenbau vor, die Angebote für die Kinder waren auf breitere Schultern verteilt. Sogar die Fahrräder standen in Reih und Glied.
Hinterher gabs Krach mit dem Bischof: Hatte Steinbach nun die Westjournalisten eingeladen oder nicht?
Während des Podiums sahen wir uns ungläubig an: diese Fragen - durfte man denn das?

weiter: Endstation Eingaben

Vergrössern
Umweltgottesdienst, 1988
 
Vergrössern
Umweltgottesdienst, 1983
 
Vergrössern
Umweltgottesdienst, 1984